conan

Conan der Anarch

1981 wurde der internationale Tag des Friedens von der UNO eingeführt und seitdem jedes Jahr am 21. September begangen. Ein halbes Jahr später, kam der Film Conan der Barbar am 14. Mai 1982 in die Kinos. Das ist nicht nur ein Zufall, sondern auch ein  Spiegelbild der ideologischen Gegensätze in den frühen 1980er Jahren.

Im Systemwettstreit zwischen Kommunismus und Demokratie begann eine neue Phase. Nach der Verständigungspolitik der 70er gab es wieder Konfrontation im Kalten Krieg.

Einerseits marschierte die UdSSR in Afghanistan ein. In Polen wurde im Zuge der Auseinandersetzung mit der Gewerkschaft Solidarnosc das Kriegsrecht verhängt. Zum anderen sprach der neue amerikanische Präsident Ronald Reagan vom „Reich des Bösen“, das es einzudämmen gelte. Er setzte auf eine Politik mit dem Ziel, den Kalten Krieg zu gewinnen. Durch das Star Wars – Programm sollte die Sowjetunion zu Tode gerüstet werden. Dazu kam der sogenannte NATO-Doppelbeschluß, der unter anderem vorsah Pershing-Raketen in großer Zahl in der Bundesrepublik zu stationieren und so den Ostblock in ein Wettrüsten zu zwingen.

Gerade in der BRD

Doch der Defätismus war stark im Westen. Gerade in der BRD. Gegen NATO-Doppelbeschluß, Pershings und für den „Frieden“ gingen Millionen Westdeutsche auf die Straße und beteiligen sich an den sogenannten Ostermärschen. Die „Friedensbewegung“ hatte ihren Höhepunkt, eine Million Menschen demonstrieren im Bundesdorf Bonn (Damals tatsächlich die Hauptstadt der BRD!). Nicole wurde mit Ein bisschen Frieden nicht nur die erste deutsche Grandprixgewinnerin, sondern Idol der Friedensbewegten in der Welt.

Die Zeiten waren geprägt von Arbeitslosigkeit, Umbau der Industrie, Friedensbewegung, Blockkonfrontation, Angst vor der Atomkraft, Angst vor der Atombombe, Angst vor Krieg und einer allgemeinen Angst vor der Zukunft, so stark, daß ein deutsches Wort internationale Verwendung fand: „German Angst“.

Am 14. Mai 1982 kam also Conan der Barbar in die Kinos.

Mit dem Film begann ein Fantasy-Boom. Es gab eine katastrophale Fortsetzung (Conan der Zerstörer), bei der Richard Fleischer als Regisseur sein Gnadenbrot fand. Ihr folgten mit Red Sonja, Die Barbaren und der unsäglichen Ator-Reihe, massenhaft Filme von der Stange, die tatsächlich ALLE Klischees des tumben Barbarenfilms erfüllten.

Sie alle stehen im krassen Gegensatz zu Conan der Barbar, dem besten Fantasyfilm überhaupt. Als Begründung könnte allein das Paket John Milius (Regie), Oliver Stone (Drehbuch), Basil Poledouris (Musik), Arnold Schwarzenegger und James Earl Jones (Hauptdarsteller) genügen.

Flucht in eine andere Welt

Doch auch vor dem Hintergrund der beschriebenen  frühen 1980er hat der Film eine ganz besondere Qualität. Friedensbewegung, Anti-AKW-Bewegung, Ein bisschen Frieden und 99 Luftballons. Am deutschen Wesen sollte – ja mußte – mal wieder die Welt genesen. In dieser Stimmung gab es natürlich auch den Hang zum Eskapismus.

Den Beginn machte die Star Wars-Trilogie, die nicht nur Reagans SDI-Initiative den Namen gab, sondern New Hollywood den Garaus machte, den Blockbuster und das Merchandising erfand und allgemein einen Trend in der Popkultur setzte. Der bestand aus Science-Fiction, Fantasy und Sword & Sorcery. Fremde Galaxien und Welten, mythische Wesen, schöne Prinzessinnen und tapfere Krieger, der Kampf Gut gegen Böse in märchenhafter Darstellung. Einmal Ausspannen von der real imaginierten Auslöschung durch Waldsterben, Atomtod und den sicher bald beginnenden Dritten Weltkrieg. Flucht in eine andere Welt.

In diese Stimmung schlug Conan der Barbar ein wie eine Bombe. Bei Produktionskosten von knapp 20 Millionen US-Dollar spielte er international 69 Millionen Dollar ein. Ein riesiger Erfolg und der Start von Arnold Schwarzeneggers Karriere als Filmstar, auf immer verknüpft mit dem cimmerianischen Barbaren Conan.

Conans Schöpfer Robert E. Howard gilt allgemein als der Erfinder des Sword & Sorcery Genres, das er durch seine Conan-Geschichten in den frühen Dreißiger Jahren prägte wie kein Zweiter. Die Figur Conan hat Howard nach seinem Selbstmord 1936 überlebt und in unzähligen Nacherzählungen, Comics, Computerspielen und auch im Film ein Eigenleben entwickelt. Den Geist von Howards Geschichten finden wir jedoch am ehesten in Conan der Barbar.

Zen-Anarchist vs. German Angst

Dem Film ist ein Zitat von Nietzsche vorangestellt. Wie der Philosoph plädiert auch der Film für einen fast radikalen Individualismus, der die Handschrift von John Milius trägt. Dieser selbstapostrophierte Zen-Anarchist stellt in seinen Filmen eigentlich immer das Individuum gegen die Vergesellschaftung (Empfehlungen: Farewell to the King und Rough Riders).

In uramerikanischer Weise wird auch in Conan der Einzelne als Kämpfer für sein Streben nach Glück gegen die Vorstellungen des allwissenden Kollektivs zelebriert. Da der oben skizzierten Stimmung der 80er wundert es nicht, daß die veröffentlichte Meinung den Film als faschistoid verunglimpfte. Wo käme man auch hin, wenn Einzelne über sich selbst entscheiden und nicht in kommunikativen Handeln mit der „Gesellschaft“ im Kollektiv aufgehen?

Die radikale Subjektivität des Menschseins – im Sinne des Naumburger Hammer-Philosophen – findet hier in einer archaischen Welt statt. Für unseren Helden stellt sie sich vor vor allem dar als Kampf des Selbst gegen die Vereinnahmung durch andere.

Dem jungen Conan wird von seinem Vater gleich am Anfang des Films eingeschärft, daß er sich nur auf sich selbst verlassen dürfe und daß er im Laufe seines Lebens das Geheimnis des Stahls enträtseln müsse, also gleichsam den Sinn des Lebens für sich selber finden, sein Schicksal selbst bestimmen solle.

Inglorious Barbarian

Doch dazu kommt es erst einmal nicht, als eine Armee das Dorf des jungen Conan überfällt, die erwachsenen Einwohner sämtlich tötet und die Kinder versklavt. Nach Jahren im Frondienst und dann als Gladiator in blutigen Zweikampfspektakeln wird Conan in die Freiheit entlassen und muß sich allein durchschlagen. Durch die Bekanntschaft mit dem Dieb Subotai und der Kriegerin Valeria kommt er auf die Spur der Mörder seines Volkes. Der Anführer der Armee ist inzwischen zu einem gottähnlich verehrten Sektenführer aufgestiegen. Thulsa Doom (gespielt von James Earl Jones), spricht von der Macht des „Fleisches“ über den Stahl.

Die Verfügung über seine Anhänger geht so weit, daß sich diese auf ein Wort von ihm sogar in den Tod stürzen. Die Gemeinschaft des „Schlangenkultes“ mit ihrem Führer wächst. Anleihen an Politische Religion im Sinne Eric Voegelins sind überdeutlich. In der letzten Szene predigt Thulsa Doom gar von seinem Tempelberg, –der aussieht, wie von Albert Speer persönlich entworfen– seinen in weiße Kutten gehüllten Fackeln tragenden Anhängern.

Sein persönlicher „Reichsparteitag des Friedens“ wird jedoch durch Conan empfindlich gestört und der verhinderte Gottkönig stirbt. Dem Schlangenkult wird so der Kopf abgeschlagen und die wahnhafte Gemeinschaft löst sich in ihre Einzelnen auf, eine Jeder und eine Jede löscht ihre Fackel in einem Wasserbassin. Symbolisch siegt so der Einzelne über Kollektiv.

Faszinierende Gesamtkonzeption

Diese einfache Geschichte besticht durch ihre geradlinige Erzählweise und die filmische Meisterschaft von Milius, die sich ganz besonders bei Sergei Eisensteins Alexander Newski (gerade in der Eroberungsszene am Anfang) bedient, aber auch bei Leni Riefenstahls Filmen (besonders die geschilderte Endszene). Conan der Barbar lebt auch gerade vom physischen Spiel seiner Darsteller, die eben nicht als Audiokommentar für den Zuschauer fungieren, sondern durch Gesten und Mimik die Handlung vorantreiben.

Zusätzlich trägt der hervorragende Soundtrack von Basil Poledouris den Film, sind doch die einzelnen Stücke, den Szenen auf den Leib geschrieben. So ergeben die geradeheraus erzählte Story, körperliches Schauspiel, filmische Brillanz und tragende Musik eine faszinierende Gesamtkonzeption, die den Geist des Individualismus transportiert und dabei verdammt unterhaltend ist.

Zum heutigen Jahrestag empfehle ich allen, sich den Film (noch) einmal anzuschauen und sich fesseln zu lassen von den Bildern eines Fantasy-Epos, das seinesgleichen sucht.

Wer jemals Conan der Zerstörer gesehen hat, oder den effektheischenden Conan der Barbar von 2011, wird nicht einen gwaltigen Qualitätsunterschied erkennen. Nicht nur im Filmischen, sondern auch im Schauspielerischen. Dann sieht man auch, was tatsächlich tumb und faschistoid ist. In diesem Sinne gilt (leicht abgewandelt) Conans Ausruf an seinen Gott Crom: „Entweder Du schaust Dir diesen Film an oder Du kannst dich zum Teufel scheren!“

Nie war mehr radikaler Individualismus gegen kollektive Weltflucht, als in Conan der Barbar, dem besten Fantasyfilm aller Zeiten.


Bild: Screenshot / Spreemilieu