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Nach dem Gehalt ihres Charakters

Ein Konflikt war vorprogrammiert. Im Raum 3038 der Humboldt-Universität war gestern keiner der mehr als 300 Plätze frei. Die DIG Hochschulgruppe Berlin hatte Sören Pünjer von der Redaktion Bahamas eingeladen, „über die Ursprünge des modernen Antirassismus zu sprechen“.

Gleich zu Beginn kündigten die Veranstalter an, gegen mögliche Störer das Hausrecht auszuschöpfen. Die „Antikapitalistische Nichtweiße Gruppe im Aufbau“ hatte mit mehreren Mitgliedern bereits Platz genommen.

Sören Pünjer begann seinen Vortrag, indem er die „Gegenthese“ zu seinen späteren Thesen einführte. Er zitierte ausführlich aus der „Stellungnahme der Autonome Referat für Antirassismus und Ausländer_innen Studierenden des Referent_innenRats der HU zur Veranstaltung «Fifty Shades Of Black And White: Der politisch korrekte Rassismus der Critical Whiteness»“.

Nachdem er so dem Diskurs die Kulisse errichtet hatte, widmete Pünjer sich der Arbeit am Begriff. Rassismus sei ein untauglicher Begriff für die meisten zeitgenössischen Phänomene. Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung, Ethnopluralismus, sogar die White Pride-Bewegung seien eben nicht von einem hierarchischen rassentheoretischen Denksystem (also Rassismus) getragen.

Sogar der Vorwurf der Veranstalter an die Critical Whiteness, selbst rassistisch zu sein, träfe nur zu, wenn man ihren „völlig verselbstständigten, unkritischen Rassismus-Begriff“ übernehme. Dieser sei, so Pünjer, vielmehr „dermatologistisch“ als rassistisch.

Pünjer zeichnete ausführlich die ideologischen Quellen der Critical Whiteness in Antiimperialismus, Antikolonialismus und Black Power-Bewegung nach. Dabei strich er die internen Defizite dieser Praktiken heraus und kontrastierte ihre Wortführer zu Martin Luther King jr., dessen Credo er mehrfach wiederholte:

Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach der Farbe ihrer Haut beurteilt, sondern nach dem Gehalt ihres Charakters.

Da brach es aus einer der offensichtlich kritischen Zuhörerinnen heraus.

Schämst Du dich nicht, Martin Luther King so zu zitieren?

Sören Pünjer schämte sich nicht. Er zitierte Martin Luther King jr. noch einmal. Eine erste Gruppe Unzufriedener verließ stampfend den Saal. Pünjer beendete seinen Vortrag und es konnten Fragen gestellt werden. Das ging zweimal gut. Dann setzte ein junger Mann zu einem vorbereiteten Co-Referat an.

Die Veranstalter drehten ihm den Ton ab, bevor er die erste Seite seines Manuskripts verlesen hatte. Auf seinen lautstarken Protest erwiderte Pünjer, er habe gelernt, dass man „Autoritären nur mit autoritären Mitteln“ beikommen könne.

Von hier an entglitt die Veranstaltung ins Absurde. Über Zwischenrufe und allgemeine Unruhe hinweg verlas Pünjer die Erklärung des AntiRa-Referats vollständig. Die Zuhörer sollten diesen Text vor dem Hintergrund seiner Erläuterungen besser einordnen können. Aus einer der vorderen Reihen kam die Forderung: „Ich möchte, dass Du Deine Privilegien reflektierst.“

Während Pünjer weiter die Erklärung der Veranstaltungsgegner verlas, forderten diese das Mikrophon ein. Dem entgegnete ein Mitglied der DIG Hochschulgruppe: „Das ist kein Diskursforum hier“. Die Veranstaltung war zu Ende.

Störer und andere Teilnehmer lieferten sich auf dem Weg zur Tür heftige Wortgefechte. Körperliche Auseinandersetzungen wurden knapp verhindert. Eine besonders engagierte Gegnerin der Veranstaltung verabschiedete sich lautstark:

Ihr seid die Hitlerjugend! … Ihr seid alle rassistisch!

„Es war klar, dass es nicht alle glücklich machen würde“, sagte Pünjer mir Anschluss zu den Störversuchen. Ein Vertreter der DIG Hochschulgruppe ergänzte „Das zeigt, dass es richtig war, diese Veranstaltung durchzuführen.“


Herzlichen Dank an Martin Niewendick, der uns das Bild zur Verfügung gestellt hat.